ArthurBrownMusic.deArthur Brown – Der Mann, den alle als die Stimme von "I am the god of hellfire" kennen, und dessen urwüchsig energetische Interpretation von "The Tell-Tale Heart" auf einer meiner Lieblingsplatten, Tales of Mystery and Imagination von The Alan Parsons Project (ich höre gerade den Schrei, mit dem der Song beginnt, in mir, während ich schreibe), ist der eigentliche Grund, warum ich auf diesem Konzert bin.
Unwissenheit hat den immensen Vorteil, dass man so unendlich viel dazu lernen kann. Ich kenne lediglich die beiden genannten Stücke. Vor mir auf der Bühne steht ein "Mad Professor", ein Derrwisch, so der erste Eindruck. Stimmgewaltig wie eh und je, das schüttere Haar verstärkt den exzentrischen Eindruck nur noch. Begleitet von einer Oneman-Loop-Recording Band (Gitarre – Nick Pynn, Violine – Nick Pynn, Bass Pedale – Nick Pynn, Dulcimer – Nick Pynn) und später an der Cajon-Percussion unterstützt vom Pretty Things Keyboarder schafft Arthur Brown sofort eine intensive, freie Atmosphäre.
Er verläßt die Bühne, sucht den Kontakt mit dem Publikum, und ist hauptsächlich er selbst. Charismatisch und ein wenig psychedelisch im Sinne von bedingungsloser Offenheit, authentische, abenteuerliche Musik, vom Geist her ähnlich wie Steve Harley, das alles in akustischem, intimem Gewand – mit einem Wort – wow. Sein Part der Show vergeht viel zu schnell, aber das Abtauchen in der Musik hat sich auf einige im Publikum übertragen. Schön sowas zu sehen.
The Pretty Things – Das Original-Lineup von 1966 steht hier auf der Bühne, vor der Show wirft der Beamer antike N3-Fernsehkonzerte in überstrahlter Weißpatina an die Wand. Es ist keine Revival-Band, keine Retro-Bewegung, keine "Thomas Gottschalk sagt euch wie es damals wirklich war"-Zombie-Show. Rock'n Roll, so wie er sein muss, und wie ich ihn noch nie live gehört habe. Im Publikum gebe ich zwar den Quoten-Twen, stört mich aber nicht.
Ich sag nur eins: Die Band hat dem Standard "Hoochie Coochie Man" Leben eingehaucht – unglaublich! Ein dermaßen bekannter, überpräsenter Song, von allen gespielt, keiner weiß warum, und hier lebt er – frenetischer Applaus vom Publikum, deswegen sind sie hier. Die Band rockt den Club, spielt eine Mischung ihres Materials aus 40 Jahren Bandgeschichte.
Gitarrist Dick Taylor greift zwischendurch zur Slidegitarre, zeigt die Wurzeln von Rock'n Roll im Blues besser als jeder Telekolleg Musikgeschichte. Damit der Bassist auch mal singen darf, wechselt er zum Bass, und der Roadie darf an die Drums, weil der Drummer im Publikum auf einen Tisch klettern will und von dort aus mit der mitgebrachten Stand-Tom und Mikro mit der Band auf der Bühne Frage und Antwort spielt. Kurzum: Just do it-Einstellung ohne Ressentiments, was jeder kennt, der mal selbst als Teenie in einer jungen Band gespielt hat – hier jedoch Ursprünglichkeit nach 40 Jahren Bandgeschichte. Herrlich, herrlich, herrlich.
Zum Schluss unterhalte ich mich mit Arthur Brown, ein sehr feinsinniger Mensch, der stets den Kontakt zu Menschen sucht. Er hofft, dass die Freiheit der Musiker auf der Bühne auf das Publikum übergreift. Es gibt soviel schlimme Nachrichten überall. Wache Augen schauen mich an, suchen das Gespräch, freuen sich mit mir. Seine Stimme hat mich seit Jahren begleitet, wenn ich eine meiner Lieblingsplatten laut höre, was bisweilen einfach sein muss. Jetzt ist das Bild vollständig, ich habe das Gefühl, einen Menschen zur Stimme zu kennen. Stoßseufzer. Schön, schön, schön.
→ Berlin, 04.12.2005